Ein außergewöhnliches Experiment im Vorübergehen
Steine, Mauern, so alt wie das Land und die Bewirtschaftung des Landes. Granit, so hart wie der Boden, das Leben im Alentejo, das Klima. Trotzen der erbarmungslosen Sonne, den rauen Stürmen, überzogen von Flechten und Moosen, aufeinander-, aneinander- und zusammengesetzt von Menschen in geradezu artistischer Fein– und zugleich Schwerstarbeit. Sie scheinen jeder physikalischen An- und Einsicht zu trotzen, scheinen locker aneinander und aufeinander gelehnt und stehen doch unverrückbar, die Säulen des Landes, die Mauern, die das Land in geometrische Flächen einteilen, Grenzen ziehen, Schutz geben vor Wind und Wetter.
Diese Mauern bergen unendlich viele Formen von Leben, von Flechten und Moosen bis hin zu Insekten, Spinnen, Kerbtieren, Eidechsen. Katzen bringen ihre Jungen im Schutz de Mauern zu Welt, Füchse und Kaninchen ebenso wie Vögel. Alle finden sie ein Zuhause in den Steinschichten, die nicht nur Windschutz sind und Wetterschutz, sondern die Zuflucht sind und Behausung. Dies waren die beiden Ideen, die den „muros vivendos“ zugrunde lagen:
„Viver“ steht im Portugiesischen für wohnen. Wohnend, lebend, „vivendo“ wird die Mauer zur Wohnung, wird Herberge, Kinderstube und Obdach zugleich.
„Viver“ steht jedoch ebenso für leben und damit in den „muros vivendos“ für all das Leben, das in diesen Mauern wird und existiert und ohne sie nicht wäre.
Heidi Hahn löste dies auf zweifache Art und Weise: Dadurch, dass die Mauer einen Blick erhält, eine Mimik, einen anschaut in mannigfaltigster Weise, dass man im Vorbeigehen aufmerksam wird auf das Leben in den Mauern. Und dass man die Charaktere der Steine entdeckt, der zweite Schritt. Steine leben nicht und haben doch eine Mimik. Jeder Stein, bei näherem Betrachten, offenbart sein Wesen, seinen Charakter, den es herauszuschälen galt.
Heidi Hahn realisierte die „muros vivendos“ im Jahr 2006 auf der „Tapada da Pontinha“. Die „Tapada da Pontinha“ liegt auf dem Areal der Stadt Portalegre, die in jedem Sommer durch ihr weit dimensioniertes Kulturprogramm auf sich aufmerksam macht, dem die „muros vivendos“ nun einen weiteren künstlerischen Aspekt verliehen haben.
Es galt, dem nachzuspüren, was im Stein ist, das freizulegen, was angelegt ist und was Wind, Regen und Sonne in jahrtausendelanger Arbeit dort werden ließen.
Das Ergebnis:
Ein Land-Art-Projekt, das mit minimalistischen Zutaten auskommt: winziger Farbpunkten in Grau, Grün oder Weiß, den Farben von Moosen und Flechten. Durch die Verstärkung kleinster Details an bestehenden Gewächsen und Steinbeschaffenheiten, in Korrespondenz mit dem Stein, entstehen Gesichter – mal lächelnd, mal fragend, mal eben erst in Kontakt zur Welt getreten oder die ganze Weisheit dieser Welt in sich vereinend. Gesichter, die wahrgenommen werden wollen und so einen Dialog geradezu fordern. Einen Dialog mit dem Stein, mit dem Wesen in und auf ihm. Ein Wahrnehmen des verborgenen Lebens im Vorübergehen.
Die Grenze der Wahrnehmung ist fließend. Von der Totale ins Detail, in den Makrobereich führt er, bereits bei der ersten Begegnung mit einem der Blicke aus der Mauer. So entsteht „im Vorübergehen“ ein fließender Übergang zwischen natürlichem Gewordensein und künstlerischer Gestaltung, wie die Darstellung fließend ist zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Ebenso fließend ist der Übergang zwischen Natur und Kunst, zwischen Realität und Mystik. Weil neben den gezeigten entstandenen Gesichtern vor dem Auge des Betrachters immer neuen entstehen.
Die undurchdringliche Starre der Mauer wird aufgehoben, die Mauer scheint zu erwachen; ein Sein, das durch seine Symbolkraft überzeugt.
Und plötzlich geht der Blick zurück von den einzelnen Gesichtern zur ganzen Mauern, dem Land und seiner Schönheit. Ein vielschichtiger Dialog, der statt an einem Ende anzukommen, immer wieder einen neuen Anfang findet, dadurch, dass Heidi Hahn dem Stein entlockt, was in ihm ist. Was immer schon gewesen ist. Sein Wesen. Seine Seele.
Das sind die meditativen Momente auf der Tapada da Pontinha, der wohl zahlreiche an weiteren portugiesischen Mauern folgen werden: Sehen, erkennen, in sich aufnehmen. In Dialog treten, neues Sehen entdecken, neue Perspektiven. Im Vorübergehen.